Interview mit Susanne Kessel

Susanne Kessel, die mit ihrem Projekt "250 piano pieces for Beethoven" in diesem Jahr in Bonn und deutschlandweit zahlreiche Konzerte geben wollte, hat sich jetzt anlässlich der Coronakrise eine schöne Alternative überlegt: An 260 aufeinanderfolgenden Tagen – von April bis 16. Dezember 2020 täglich! – stellt sie jeweils eine/n der Komponist*innen auf Facebook vor. Dort gibt es neben Infos zu den Stücken auch die Download-Links zu den Noten.
Die geplanten Konzerte werden zum großen Teil Ende des Jahre 2020 und auch in 2021 nachgeholt.

 

Ende Dezember erhielten Sie die letzte Komposition für Ihr Großprojekt „250 piano pieces for Beethoven“ – Was war das für ein Gefühl?

Nach gut sechseinhalb Jahren Arbeit war es schlichtweg atemberaubend und überwältigend, dass tatsächlich alle Stücke eingetroffen sind und dass dieses immens große Musikgeschenk, diese „kompositorische Festschrift für Beethoven“, Wirklichkeit geworden ist. Der Ausgang des Projekts war ja zu Beginn, im Jahr 2013, vollkommen unklar. Ich wusste absolut nicht, ob das in der Größenordnung überhaupt klappen kann! Ich wusste nur, dass ich es für Beethoven unbedingt versuchen wollte. Und so war es großartig, dass alles geklappt hat. Gleichzeitig verspüre ich auch Wehmut, dass die spannende Phase des „Geschenke-Annehmens“ vorbei ist. Die Stücke sind ja jahrelang im Abstand von etwa einer Woche kontinuierlich bei mir angekommen, und ich fühlte mich dadurch ununterbrochen so reich beschenkt mit Ideen und Musik.

 

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, Komponisten in aller Welt mit 250 Klavierstücken zu Beethoven zu beauftragen?

Das hat mit meiner eigenen Künstlerbiografie zu tun. Schon seit ich als Kind mit dem Klavierspiel angefangen habe, gehörten zeitgenössische Kompositionen für mich genauso dazu wie die Werke der Klassik. Bereits meine erste Klavierlehrerin gab mir Stücke zeitgenössischer Komponisten. Später an der Musikhochschule war es für mich selbstverständlich, die neuen Werke der Kompositionsstudenten aufzuführen, und dann später immer öfter auch Werke bekannter Komponisten uraufführen zu dürfen. Es war mir immer sehr wichtig, mich mit meiner Klavierkunst nicht nur um die klassische Klavierliteratur zu bemühen, sondern mich auch zeitgenössischen Komponisten als Aufführende ihrer neuen Kompositionen „zur Verfügung“ zu stellen und dadurch das Entstehen neuer Klavierwerke zu unterstützen. Zum Schumann-Jahr 2010 realisierte ich bereits ein ähnliches Projekt, allerdings mit 12 Komponisten. Das hat wunderbar geklappt. Bei Beethoven dachte ich: „Es müssen 250 Komponisten sein. Beethoven ist der meistgespielte Komponist der Welt; jeder Musiker weltweit hat einen persönlichen Bezug zu ihm. Bei ihm muss es etwas Großartiges sein, da darf man nicht klein denken.“

 

Nach welchen Kriterien haben Sie die Komponisten ausgesucht?

Wichtig waren mir eine möglichst große Bandbreite an Musik- und Kompositionsstilen und eine hohe Qualität: Es sollten hervorragende Komponisten in ihrem jeweiligen Genre sein. Bekannte Komponisten aus Avantgarde, Jazz, Filmmusik, Pop, Musiktheater usw. Beethoven spielt heute für Musiker aller Genres eine große Rolle, und so wollte ich neben den „Konzertkomponisten“ auch andere Genres einladen. Auch Beethoven interessierte sich sehr für Musiker anderer Kulturen und zum Beispiel auch für internationale Volksmusik. Ich wollte eine Sammlung schaffen, die auch IHM gefallen würde! Ausgangspunkt für mich waren zunächst Komponisten, die ich persönlich kannte. Diese wiederum empfahlen mir weitere Komponisten. Außerdem hörte ich mir im Internet in all der Zeit unendlich viele Stücke von Komponisten vieler Länder an und schaute, wer in dem jeweiligen Land und für das jeweilige Genre relevant und interessant ist. Mein eigener Geschmack spielte auch eine Rolle, aber doch eher untergeordnet. Es geht darum, „unsere Zeit“ abzubilden und die Ideen der Komponisten in den Vordergrund zu bringen. 

 

 

Am Ende haben Sie Komponisten aus 47 Ländern für Ihr Projekt gewonnen.

Es ist eine Momentaufnahme der vielen verschiedenen Stile der internationalen Komponisten unserer heutigen Zeit.

 

Haben Sie den Komponisten Vorgaben gemacht?

Die einzige Vereinbarung war, dass sich die Komponisten auf Beethoven beziehen. Aber worauf sie sich beziehen, konnten sie frei wählen. Und dass die Stücke nicht länger sein sollten als Beethovens längste Bagatelle, die vier bis fünf Minuten dauert. Aber ansonsten herrscht in diesem Projekt vollkommene künstlerische Freiheit. Alles, was eine Pianist*in an einem Flügel aufführen kann, inklusive Sprache, Gestik, Mimik, perkussive Effekte, Geräusche, Tasten- oder Innenraumspiel, war erlaubt. Das ist es ja im Grunde auch, was uns Beethoven maßgeblich mitgegeben hat, und wofür wir Beethoven bis heute so faszinierend finden: Dass allein der Komponist über sein eigenes Werk entscheidet und kein Auftraggeber in die Komposition hineinreden sollte.

Ich denke, auch deshalb haben die Komponisten alle unentgeltlich mitgemacht. Weil sie inhaltlich vollkommen freie Hand bei der Komposition hatten und wussten, dass ich mich jedem Stück gewissenhaft widmen würde und das Stück auf jeden Fall uraufführen und publizieren werde.

 

Dann gab es keine Absagen?

Zwischendurch, im Lauf der Jahre, kündigten mir insgesamt zehn der bereits eingeladenen Komponist*innen an, dass sie es zeitlich nicht schaffen werden bis zur Deadline, weshalb ich dann zehn weitere Komponisten mit der Komposition eines Stücks beauftragte. Ich wollte ja zu einem festen Termin, nämlich bis zum Beginn des Jubiläumsjahres, alle Klavierstücke zusammen haben! Am Ende reichten aber überraschenderweise auch die, die halb abgesagt hatten, ihre Kompositionen ein, weshalb es jetzt tatsächlich 260 statt 250 Kompositionen sind. Mir hätte es als Künstlerin wirklich Schmerzen bereitet, spannende Kompositionen von anfangs ja eingeladenen Komponisten dann doch nicht anzunehmen, nur damit es bei der konstruierten Jubiläumszahl „250“ bleibt. Kunst ist frei.

 

 

Wie nehmen die Künstler in ihren Kompositionen Bezug auf Beethoven?

Die Komponisten wählen zum Beispiel als Aufhänger ein Motiv von Beethoven, holen es in unsere Zeit und entwickeln es weiter. Dabei bleiben sie in ihrer eigenen kompositorischen Sprache. Oder sie beziehen sich auf eine Schrift Beethovens. Viele wählten das Heiligenstädter Testament, dessen emotionalen Gehalt, die Verzweiflung Beethovens, sie musikalisch umsetzten. Manche lassen auch aus Notizbüchern von Beethoven rezitieren, in denen Beethoven alltägliche Gedanken niederschrieb.

 

Wie ist das zu verstehen?

Mit Rezitieren meine ich: Der Pianist spricht in einigen Stücken Worte Beethovens zur komponierten Musik. Ein weiteres großes Thema ist Beethovens Taubheit. Hier setzen einige der Komponisten klanglich beispielsweise um, wie es sich anhören könnte, wenn man fast taub ist.

 

War es schwierig, an die Komponisten heranzukommen?

Eigentlich nicht so sehr. Wenn man als Pianistin einen gewissen Namen hat, ist es über das Internet heute relativ einfach, Kontakt aufzunehmen. Und nach ungefähr einem Jahr hieß es, egal, bei wem ich angefragt habe: „Ah, Du bist es! Klar, ich habe schon von deinem Projekt gehört. Schön, dass du anfragst!“

 

Was erwartet uns im Jubiläumsjahr?

Nachdem ich von Dezember 2019 bis März 2020 bereits eine ganze Reihe der letzten Uraufführungen aus Band 9 und Band 10 in zahlreichen Konzerten spielen konnte, wurden ab Mitte März alle weiteren Konzertpläne durch die Coronakrise durchkreuzt. Die für Bonn, aber auch in vielen anderen Städten geplanten Konzerte der„250 piano pieces for Beethoven“ werde ich zum großen Teil Ende des Jahre 2020 und auch in 2021 nachholen.

Ein besonderer Höhepunkt im Jahr n2020 ist der „Marathon 2020“ auf Facebook. An 260 aufeinanderfolgenden Tagen – von April bis 16. Dezember 2020 täglich! – stelle ich jeweils eine/n der Komponist*innen der „250 piano pieces for Beethoven“ vor. Ich poste jeweils eine Aufnahme der piano pieces, Infos zu den Stücken, Videos, Fotos der Konzerte, Download-Links zu den Noten usw. Man kann sich dort natürlich auch direkt mit anderen Internet-Usern über die Musik austauschen. Häufig posten auch die Komponisten selbst etwas unter ihren jeweiligen „Marathon“-Eintrag. So kommt nun auch das internationale Publikum unkompliziert mit den Komponisten und deren Klavierstücken in Kontakt.

Dieses Facebook-Projekt ist eine wunderbare Möglichkeit, das gesamte Projekt mit 260 pianp pieces an 260 Tagen weltweit zugänglich zu machen und noch einmal vollständig „duchlaufen“ zu lassen.

 

Wie sehen Ihre Konzerte aus?

Seit Beginn des Projektes habe ich ungefähr 150 Klavierabende gespielt. Ich hoffe natürlich, dass die Konzerte der piano pieces auch in 2020irgendwann weitergehen können und es möglich sein wird, zumindest Konzerte vor kleinerem Publikum zu spielen. Sobald dies möglich ist, werde ich mit der Konzertreihe fortfahren. Dabei spiele ich immer ungefähr 15 bis 20 piano pieces in jedem Konzert – wobei ich darauf achte, dass in Bonn meistens eine Uraufführung in jedem Konzert dabei ist, auch, damit der besondere Moment der Weltpremiere des jeweiligen Stücks gut eingebettet ist und jedes neue Stück gebührend vom Publikum willkommen geheißen werden kann. Da ich meist selbst Veranstalterin bin, lade ich die entsprechenden Komponisten des Abends zu den Konzerten ein. Da sie die Kosten selbst übernehmen müssen und natürlich auch nicht jeder Komponist zu jedem Termin automatisch Zeit hat, sind in den Konzerten meist bis zu zwanzig Komponisten anwesend, die ihre Stücke dem Publikum erklären. So viele Komponisten im Konzert persönlich kennenlernen zu können, ist für das Publikum etwas Besonderes und hat im Lauf der Zeit in Bonn mittlerweile „Kultstatus“ angenommen. So bauen mehr und mehr Komponisten einen Bezug zu Bonn auf, sie lernen sich auch untereinander kennen. Dadurch bilden sich neue künstlerische Netzwerke, aus denen neue Zusammenarbeiten und Projekte entstehen, auch über das Beethovenjahr hinaus.

 

Sie werden die Stücke nicht nur in Bonn aufführen.

Die Uraufführungen der meisten piano pieces spielte ich in den Jahren 2013 bis 2020 in Beethovens Geburtsstadt Bonn und anschließend habe ich Wiederaufführungen einer großen Auswahl der Stücke bereits in anderen Städten und Ländern gespielt, und werde dies auch noch in den nächsten Jahen tun. Bis Mitte März 2020 habe ich bereits 230 der piano pieces uraufgeführt. Nun fallen viele Konzerte in den nächsten Monaten wegen des Coronavirus aus und ich muss noch 30 der Stücke uraufführen. Aber ich gehe fest davon aus, dass ich die verbleibenden 30 Uraufführungen entweder ab Herbst wieder in  Live-Konzerten uraufführen kann, oder aber in gestreamten Konzerten im Internet. Dazu muss ich mir noch Gedanken machen, denn es gibt es ja durchaus viele Möglichkeiten, so etwas zu organisieren. Fest steht für mich aber, dass ich auch die letzten 30 Stücke noch im Jubiläumsjahr 2020 uraufführen werde.

 

 

Worauf freuen Sie sich noch im Jubiläumsjahr?

Ein weiterer Höhepunkt wird es für mich sein, wenn im Sommer 2020 der zehnte und letzte Band der Notenedition veröffentlicht wird. Dann weiß ich: Jetzt ist es geschafft! Dass ich das Projekt trotz Corona vollenden und vollständig veröffentlichen kann, ist ein großes Glück, denn die zehnbändige Notenedition ist natürlich das Herzstück des Projektes. Durch sie werden die Klavierstücke auch in 500 Jahren noch von Pianisten und Klavierspielern gespielt werden können. Sie werden einen Eindruck vom Komponieren des frühen 21. Jahrhunderts geben. Seit April 2020 gibt es die Noten der piano pieces außerdem auch als Einzelstück-Download auf der Website zu erwerben.

 

Sie geben auch CDs heraus – Wie viele werden es sein?

Über 200 der piano pieces habe ich bisher in Studioqualität aufgenommen. Die sind derzeit als Einzel-Downloads auf meiner Homepage erhältlich. Weitere Aufnahmen folgen noch im Lauf dieses Jahres. Eine Doppel-CD ist aus diesen Aufnahmen bereits veröffentlicht und eine weitere Doppel-CD mit einer Auswahl der Stücke wird dieses Jahr noch erscheinen. Wie viele CDs es noch werden, auch über das Jahr 2020 hinaus, hängt davon ab, wie viele Sponsoren ich noch dafür gewinnen kann. Die Einspielung selbst hat die Beethoven Jubiläums GmbH zu einem großen Teil gefördert. Die Kosten der Notenedition wurde von 260 privaten Bürgern übernommen, die als „Notenpaten“ über den Bonner Kulturverein „Bürger für Beethoven“ vermittelt wurden. Ein wunderbares Beispiel, wie man es schaffen kann, dass sich Komponisten in einer Stadt willkommen und gefeiert fühlen!

 

Viele Menschen haben eine Scheu vor zeitgenössischer Musik. Verstehen Sie das? Und was würden Sie ihnen raten?

Dafür habe ich durchaus Verständnis. Viele unerfahrenere Hörer haben vielleicht das Gefühl, dass man zeitgenössische Musik „verstehen“ muss. Ich glaube nicht, dass für den ersten Zugang so viel Vorwissen nötig ist. Man muss sich einfach darauf einlassen. Und oft entdeckt man dann neue Musik, die einen tief berührt. Ich kann nur raten, sich Konzerte live anzuhören oder im Radio oder Internet Aufnahmen anzuhören und sich überraschen zu lassen. Ganz im Sinne des aufmunternden Wunsches John Cages: „Happy New Ears!“ Kompositionen sind höchst unterschiedlich. Jedes einzelne Stück ist ein Unikat und anders als jedes andere. Es ist das größte Glück im Leben, neugierig zu bleiben, sich überraschen zu lassen, und die Augen nicht vor der eigenen Gegenwart zu verschließen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen vor allem einen emotionalen Zugang brauchen. In diesem Projekt wird dieser Zugang ganz eindeutig erleichtert durch den stetigen Bezug zu Ludwig van Beethoven. Beethoven und seine Musik sind den Menschen vertraut. Das verbindet das Publikum ganz unmittelbar mit den Komponisten und ihren neuen Werken! In den vergangenen Jahren habe ich über 150 Konzerte mit den piano pieces in Bonn gegeben. Sie sind fast immer ausverkauft und das ist bei zeitgenössischer Musik in immer derselben Stadt bei immer derselben Interpretin sehr außergewöhnlich. Das liegt aus meiner Sicht ganz klar an der Bezugnahme jedes der Stücke auf Beethoven. Und daran, dass ich jedes Stück ausführlich erläutere oder häufig sogar die Komponisten persönlich anwesend sind. Wenn die Zuhörer wissen, es geht in dem Stück beispielsweise um eine Auseinandersetzung mit Beethovens fünfter Sinfonie, die sie kennen und mögen, hören sie viel lieber zu und finden die neue Musik plötzlich enorm spannend.

Nun, da wir für einige Zeit auf Konzerte verzichten müssen und uns musikalische Wege im Internet suchen müssen, bemerke ich einen steilen Zuwachs des Publikums auf der „250 piano pieces for Beethoven“-Facebookseite. Das Publikum dort hat sich innerhalb weniger Tage verdoppelt! Es ist wunderbar, dass wir weiterhin über dieses Medium verbunden bleiben und die Komponisten des 21. Jahrhunderts im Geiste Beethovens feiern können.

Website:

www.250-piano-pieces-for-beethoven.com

Täglicher „Beethoven-Marathon2020“ – 1. April bis 16. Dezember 2020: www.facebook.com/250pianopieces


Alle aktuellen Infos zum Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 erhaltet ihr natürlich auch über unsere Website und die BTHVN2020-Social Media-Kanäle. Bleibt gesund!

Euer BTHVN2020-Blogteam


Über den Autor

Karoline Gaudian

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