Von der Bühne zum Film – Helmut Oehrings „BEETHOVEN? Der erlösende Fehler“

Der international renommierte und preisgekrönte Komponist, Autor, Choreograf und Regisseur Helmut Oehring mit seinem künstlerischen Team - Librettistin Stefanie Wördemann und Sounddesigner Torsten Ottersberg realisierten mit Solistin Kassandra Wedel sowie dem Ensemble Musikfabrik im Auftrag der Beethoven Jubiläums GmbH das MusikFilmTanzDrama "BEETHOVEN? Der erlösende Fehler". Lesen Sie anlässlich der exklusiven Preview des etwa 45-minütigen Filmes einen Erfahrungsbericht direkt aus dem Filmdreh von Projektleiterin Konstanze Kaas.

 

 

Als ich im Mai 2021 in den Proberäumen des Ensemble Musikfabrik in Köln ankomme, wo der Dreh des Filmes „Beethoven. Der erlösende Fehler“ unter Einhaltung strenger Vorgaben zum Schutz vor Coronainfektionen produziert wird, bin ich mehr als neugierig. Hinter uns liegen mehr als drei Jahre Planung, eine Verschiebung und eine Absage der geplanten Live-Uraufführung in der Bundeskunsthalle in Bonn sowie die Umwandlung des Bühnenwerkes in ein TanzMusikFilmDrama. An einem Tag besuche ich die Produktion und schaue Helmut Oehring bei der Arbeit über die Schulter. Und was für ein Erlebnis das ist! Helmut als Regisseur und Kameramann strahlt trotz dessen, dass äußerst arbeits- und stressintensiven Wochen hinter ihm liegen, Ruhe aus. Mit wenigen Worten teilt er seine Vision mit den Musikern und mit präziser Gestik mit Kassandra Wedel, gehörlose Hip-Hop-Weltmeisterin, Schauspielerin, Tänzerin. Helmuts Muttersprache ist die Gebärdensprache, da er als Kind gehörloser Eltern aufgewachsen ist. Besonders eindrucksvoll wirkt eine Szene auf mich, in welchem die Musiker*innen in einem stummen Schrei „einfrieren“. Auch Dirigent Clement Power, der das Ensemble durch die farbgewaltige Partitur mit Leidenschaft führt, wird in die Regie mit eingebunden und erstarrt mit Kassandra in einer Art „Schreiduell“. Die Musiker*innen des Ensembles sind mit vollem Einsatz dabei. Ganze Passagen werden am Boden liegend gespielt und die Musiker*innen erbringen nicht nur aus musikalischer Sicht höchste Leistungen, sondern auch im Schauspiel. Kassandra windet sich über den Boden, beobachtet, schreit, singt, rezitiert und bringt Emotionen auf die Bühne, wie ich das sonst noch nie gesehen habe. Ihre Präsenz hat eine unglaubliche Sogwirkung und reißt mich mit sich. Ich spüre alles mit ihr, ohne die Gefühle benennen zu können.

 

 

Ende August 2021. Es ist 22:00 und eigentlich längst Feierabend. Doch aus dem Augenwinkel sehe ich eine neue Nachricht in meinem Maileingang. Es ist eine Mail von Helmut mit dem Link zum 9-minütigen Trailer des TanzMusikFilmDramas. Das kann nicht bis morgen warten. Zu gespannt bin ich auf das Ergebnis von Jahren Arbeit, Unsicherheit und Hoffnung. Zwar kenne ich die Partitur und den Text, war ja auch beim Probenbesuch und hatte ein erstes Filmstill gesehen – aber ich weiß trotzdem nicht, was auf mich zukommt. 9 Minuten lang bin ich in den Bann gezogen. Meine Gefühle lassen sich nicht einordnen. Liebe ich es, hasse ich es? Bewundere ich, verachte ich? Bin ich begeistert, enttäuscht, glücklich, traurig, wütend, ekstatisch, gefühllos? Ich durchlebe ein Feuerwerk aus den verschiedensten Emotionen und fühle mich durchgeschüttelt, aufgerüttelt.

 

 

Zwei Tage später ist die 45-minütige Fassung da. Und es ist nicht einfach fünf Mal mehr als die Kurzfassung, sondern tausendfach verstärkt. Zerrissen, zerschnitten. Unkonventionell. Brachial, ohne Entschuldigung. Verstörend, weil man als Zuseher selbst mit den eigenen, tiefsten Emotionen konfrontiert wird und das auf einem unterbewussten Level. Ohne Rücksicht. Ohne Filter. Die Musik ist rhapsodisch, Klangteppich und -effekt, spannt Bögen, die im ersten Moment fragmentarisch erscheinen, um sich aber am Ende zum großen Ganzen verbinden. Ich lasse mich fallen und das MusikFilmTanzDrama zieht mich, mit einer Bild- und Klangsprache wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe, tief mit sich in Ab- und Untergründe, Höhen und Tiefen. Angst und Gänsehaut. Härte und unendliche Sanftheit. In Helmuts und Stefanies Dramaturgie ist alles vereint, wird alles vereinnahmt was menschlich möglich ist. Nur Kunst kann das und nur Kunst darf das.

Die internationale, barrierefreie Fassung ist ab 7.12.2021 bis 6.1.2022 auf YouTube als exklusive Preview zugänglich. Das Werk wird außerdem ab dem 2.2.2022 für 30 Tage auf WDR3 zum Stream verfügbar sein. Verpassen Sie auch nicht die dazugehörige Sondersendung im Hörfunk auf WDR3 am 2.2.2022 ab 20:04. Die Sendung ist ebenso für 30 Tage online auf www.wdr3.de abrufbar.

BEETHOVEN? Der erlösende Fehler (The redemptive fault) - YouTube

 

Dies ist ein Gastbeitrag von Projektleiterin Konstanze Kaas

 


Über den Autor

Isabelle Trenkner

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